Jahresrückblick 2021: Ich und „alles“ – wir können auch anders

Dezember 29, 2021

Elma und Galeon
An einem kalt-sonnigen Novembertag mit meinem PRE Galeon

In diesem Jahr zeigte so Vieles für mich ein anderes Gesicht als das erwartete. Vermutlich – so denke ich jetzt – weil meine Erwartungen, meine bombenfesten, zielorientierten, zupackenden Erwartungen mir selbst und anderem sonst so wenig Freiraum geben, sich auch anders zu zeigen. Ein Anderssein, das ich – das sie – auch bin und sind, nur eben nicht, wenn mein Blick es nicht zuläßt. Kompliziert vielleicht, aber es sich und anderen schwer zu machen, ist auch eine Kunst. Diese Kunst will ich mehr und mehr verlernen. Und 2021 war ein guter Anfang dafür.

Neues Leben – neue Haare

Meine Haare sind die Meilensteine meiner Lebensgeschichte. Sie sind ihre Zäsuren und definieren die vorherrschende Stimmung. Irgendwann im Frühjahr beschloss ich: jetzt geht’s bei mir dynamisch weiter. Und die Frisur ist das erste schnell sichtbare Zeichen dafür. Schließlich braucht es auch weniger Energie, erstmal zum Frisör zu gehen, als das langwierige Umkrempeln einer Lebenssituation. Von ganz lang (von ewig her bis 2020) wechselte ich über kinnlang (ab 2020) nun zu kurz und praktisch. Wobei: praktisch sind kurze Haare bei Naturlocken nur, wenn es einem egal ist, wie man aussieht. Die Locken nutzen nämlich ihre neu zugemessene Power (durch das fehlende Gewicht), um auf meinem Kopf die Weltherrschaft zu übernehmen und sich über Nacht neu zu formieren, vorzugsweise nach oben, zur Seite, in die Augen.

Das hat mich nicht sofort aus dem Konzept gebracht. Ein paar Handvoll Stylingwachs und noch mehr Selbstliebe ließen mich die Situation aussitzen … etwas später kamen dann doch noch Stirnbänder und Spangen hinzu – und jetzt lass ich sie wieder wachsen. Ich hab das nicht durchgehalten, das Selbstbewusstsein mit den Terroristen auf meinem Kopf. Die Schwerkraft wird sie in ein bis zwei Jahren wieder zu anständigen Kopfbürgern machen und ich werde wiederum 2 Jahre später gedanklich ums nächste Experiment kreisen: chemisch glätten und dann erst abschneiden. Andererseits – Locken haben etwas rührend Kindliches an sich. Nicht optisch, sondern vom mindset her: sie freuen sich aus allen Vorlagen (Pinterest: Kurzhaarfrisuren für Naturlocken … haha) und Vorgaben (so ähnlich wie Audrey Tautou … hahaha!) auszubrechen. Und sie meinen es ja auch nicht bös, sie wollen nur spielen. Vielleicht also sollte ich mir diesen einen Rest Kindheit (auch auf dem Kopf) bewahren.

Audrey Tautou bei Pinterest

Haarband gegen Wind und gegen haarigen Ungehorsam

Ein Mensch für (m)ein Pferd

Julia und unser beider Galeon

Seit vielen Jahren schon kenne ich Julia Tenschert von kerngesundes-tier. Sie hatte mit mir zusammen die Ausbildung zur Pferdetrainerin bei Simone Carlson Im Sinne des Pferdes durchlaufen. Drei intensive Jahre waren das und der Kontakt, der bereits zuvor bestanden hatte, ist auch danach nie abgerissen.

Im Frühsommer erzählte mir Julia, dass sie ein neues Pferd als Reitbeteiligung sucht. Die Stute, die sie zuvor geritten hat, ist – sagen wir mal – „interessant“: aus dem Nichts heraus kann sie sich in ein Krokodil verwandeln, was sie zu einer spannenden Herausforderung für ihre Besitzerin und verschiedene Trainer macht. Aber wenn man, wie Julia, eine gute Zeit mit einem Pferd verbringen möchte, dann will man nicht ständig auf der Hut sein müssen. Als Julia mir also von der letzten Attacke der Special-effect-Stute, nach der sie sich auf dem Boden wiederfand, erzählte, drängte sich eines meiner Pferde in meinen Kopf. Galeon ist in jeder Hinsicht geradezu das perfekte Gegenteil zu jenem Krokodil: unsicher, ganz ohne Aggression, manchmal kopflos, aber immer auf der Suche nach Halt und Führung. Und weil er bei mir etwas zu kurz kommt (ich habe 4 Pferde, die ich trainiere oder die mit meinen Kunden arbeiten), meldete sich Galeon nun wirklich lautstark in meinen Gedanken und bewarb sich gewissermaßen als Reitbeteiligung und Pflegepferd bei Julia.

Und – er hätte es nicht besser treffen können. Nicht nur, dass die beiden wunderbar zusammen passen und sich gegenseitig mehr und mehr vertrauen, Julia setzt auch ihr geballtes Wissen um die Gesundheit des Pferdes für ihn ein. Herr Galeon (so nennen ihn vermutlich nun die anderen Pferde) genießt vor oder nach der Arbeit Holistic Pulsing, Balancepads oder auch Massagen. Und ich, ich kann ein rundum zufriedenes Pferd für meine Trainings einsetzen, ein Pferd, das dem Menschen immer mehr vertraut und für jemanden ganz einzig und einzigartig ist.

Galeon mit Julia

Die wiedergefundene Zeit: Clarissa

Alles fing im Januar 2020 an: „Liebe Elma, ich sag einfach mal hallo.“ So meldete sich nach über 30 Jahren meine Schulfreundin Clarissa über WhatsApp bei mir. Aber dann dauerte es mit dem Wiedersehen doch noch bis Mai 2021. Clarissa kam mich auf meinem Alten Gutshof besuchen – und es war alles genau wie früher! Sie ist noch derselbe Wirbelwind, der alles will: mich wiedersehen, meine Familie kennenlernen, den Hof sehen, mit uns zusammen kochen, mit den Pferden arbeiten, meine Tochter beim Malen unterstützen, spazieren gehen, …

Manchmal muss man die verlorene Zeit nicht suchen, sie ist gar nicht verloren gegangen, sondern lebt (und schläft vielleicht nur) in uns weiter. So unterschiedlich Clarissa und ich (nicht nur optisch) auch immer waren, jede von uns mochte an der anderen gerade dieses Anderssein – und das drunterliegende Verstehen. Und so setzten wir da an, wo wir aufgehört hatten. Natürlich mussten wir uns erst auf den aktuellen Stand unserer jeweiligen Lebensgeschichte bringen, aber das war nur eine Formalität. Wir sahen uns in diesem Jahr noch zweimal wieder, und unsere Verbindung wird in Zukunft sicher nicht mehr von jahrelangen Abwegen unterbrochen werden. Denn das Wesentliche hatte sich nicht verändert: mit Clarissa kann man Nachts auf dem Trampolin der Kinder liegen, sich zusammen mit Po-Einsatz leicht auf und ab schaukeln und dabei die Welt in Ordnung bringen.

Clarissa mit mir und meiner alten Hündin Wanda vor unserem Haus

Clarissa beim Outdoor-Malen mit meinen Kindern

Andrej stalkt Clarissa

Andrej kann – und will tatsächlich auch

Andrej … Andrej ist MEIN Pferd. Ja, ich hab es vielleicht schon erwähnt: ich habe mehrere Pferde. Aber Andrej geht mir unter die Haut, das kann man nicht vernünftig erklären. Schon als ich ihn als Zweijährigen in Mecklenburg-Vorpommern bei seiner früheren Besitzerin sah, war es um mich geschehen. Es war – ganz ehrlich! – nicht die Tatsache, dass er groß, wunderschön, schwarz und stolz war (gut, das war auch nicht zu verschmähen). Es war seine Ausstrahlung, eine herablassende, leicht machoartige Freundlichkeit, das aus seinem Interesse für mich ein Gefühl des Auserwähltseins zauberte. Ich musste ihn haben und ich bekam ihn auch. Danach, bei mir in Bayern angekommen, sorgte eben dieses so anziehende Machotum für etliche Verzweiflungsmomente bei mir. Aber er wurde ein ausgebildetes Reitpferd, er lernte seinen 850kg-Körper richtig einzusetzen – und er schien das typische Ein-Frauen-Pferd (meins nämlich) zu sein.

Und dann, im Sommer 2021, verletzte sich mein Geronimo so schwer, dass er monatelang im Training pausieren musste. Und dabei ist Geronimo eigentlich unersetzlich: keines meiner Pferde (dachte ich) ist so sanft, so gutmütig, so erfahren und friedlich, dass ich es ohne Bedenken für Anfänger oder für ängstliche Reiter einsetzen kann. Das war der Moment, als ich Andrej von einer ganz anderen Seite kennen lernen durfte, eine Offenbarung und gleichzeitig die Entdeckung, dass es manchmal erst besonderer Umstände bedarf, damit wir ein anderes Wesen aus der festgezimmerten Meinung, die wir von ihm haben, entlassen. Andrej zeigte sich in seinen ersten Kundenkontakten dermaßen vorsichtig, feinfühlig und liebenswürdig, dass ich ihn seitdem immer wieder im Training hinzuziehe. Ein Zehnjähriges Mädchen reitet ihn ohne Zügel – kein Problem, eine unsichere Kundin trainiert ihn am Boden – er weiß, was sie meint, er ist zärtlich mit Schauspielschülern in der Sensibilisierung und trägt mit Würde den Hut meiner Freundin Clarissa.

Geronimo ist inzwischen wieder gesund, aber Andrej darf jetzt auch weiterhin meine Kunden in seinen Bann ziehen. Falls ich es noch nicht erwähnt habe: er ist (m)ein fantastisches Pferd…

Andrej: Wer soll da widerstehen?

Andrejs Nackenpusten ist unerreicht!

Mein erster Blog … und die Technik

Ich mag schreiben. In meinem Kopf formuliere ich sogar oft kleine Erzählungen über Situationen meines Alltags. Ich lebe und mein Über-Ich (Freud-Kenner jetzt bitte weghören, das ist hier kein Fachbegriff) schreibt zeitgleich gedanklich das Gelebte bereits als Story auf. Eine Story aber, die eben nur in meinem Kopf entsteht und von der nächsten sofort überschrieben wird, nichts für die Nachwelt bleibt davon erhalten. Das war auch gut so, dachte ich: kein geheimer Ehrgeiz und keine von mangelndem Selbstbewusstsein unterdrückte Schreiblust tobte in meinem Herzen.

Und dann schmiss mir Facebook einen Beitrag von Judith sympatexter vor die Füße: lerne zu bloggen, trau dich, irgendwen wird es interessieren, und wenn nicht, so gilt sowieso: „Blog like nobody´s reading!“ Und ich – angeblich ohne jede reale Schreibwut und -lust – sprang auf dieses Pferd #jahresrückblog21 und machte mich ans Schreiben außerhalb meines Kopfes. Und da waren sie auch schon, die Hürden der Realität: WordPress, Bilder in die Mediathek hochladen, interne und externe Links – kurz: TECHNIK. Meine Überzeugung, dass sie und ich nicht füreinander geschaffen sind, nennt Judith einen „mindfuck“. Schönes Wort mit einer Definition, die auf einige hundert meiner Überzeugungen zutrifft. Also habe ich beschlossen, mein „mind“ zu erneuern, ihm die Chance auf jungfräuliche Erlebnisse zu bescheren. Und wenn Ihr das jetzt lest, dann habe ich den Entwurf auch immer schön gespeichert, die Bilder irgendwie unter die Abschnitte gefummelt und vielleicht führen sogar meine Links nicht alle in die unendliche Leere des www. Great!

M.C.Escher scheint mein Technik-Unverständnis zu verstehen

Bilder statt Perfektion: Bang!

Mein pferdegestütztes Training mit Kunden verändert sich. Vermutlich, weil sich bereits zuvor meine eigene Arbeit mit den Pferden verändert hat. Keine Ahnung, wann das begonnen hat … aber dieses Jahr fiel es mir erst richtig auf. Es gab da ein Erweckungserlebnis, oder sagen wir mal: einen Moment, in dem alles, was ich implizit, intuitiv, unbewußt in der Arbeit zu vermitteln suche, für mich in die Sichtbarkeit sprang. Eine Schauspielerin aus Berlin, zum ersten Mal in meinem Training, versuchte mein Pferd Kairon von sich weg auf den Hufschlag (den Weg am Zaun entlang) zu schicken. Die Geste, mit der sie das tat, war korrekt, war so, wie ich es ihr gezeigt hatte – aber Kairon legte nur verwirrt die Ohren an und blieb stehen. Es gab nichts daran, was er hätte verstehen können, weil die Geste zwar richtig, aber leer war! Sie war äußerlich eine korrekte Nachahmung meiner Anweisung, aber nicht Ausdruck einer Absicht. Auf meinen Vorschlag hin, das Pferd (mit dieser Bewegung) nach außen schicken zu WOLLEN, änderte sich alles: Mensch und Pferd waren in Kontakt, die Geste hatte für Kairon Bedeutung und Verbindlichkeit, und wir zwei Menschen konnten beinahe hören, wie der wesentlichste Baustein an die richtige Stelle fiel: Bang!

Es geht nie um die äußere Perfektion. Ja, es existiert so wenig allein ein Äußeres, wie es nur eine Seite eine Münze gibt. Entweder das äußerlich Sichtbare ist Ausdruck eines Inneren, einer Absicht, eines Wollens, eine Gedankens oder es IST nicht, ist nur eine physische Bewegung im Raum, inhaltsleer und eine für das Pferd irritierende Energie.

Wie seltsam und beschämend und erleichternd das ist: in einem Moment auf den Kern der eigenen jahrelangen Arbeit gestoßen zu werden. Natürlich wußte ich das, was sich da enthüllte, aber ich wußte nicht, was ich wußte. All die Trainingsschritte verdeckten in ihrer scheinbaren Unterschiedlichkeit diesen einen heissen Kern, um den es geht: drücke dich im Ausdruck tatsächlich aus, lebe innerlich das Bild und das Wollen, das der Ausdruck lediglich verkörpert – und deine Energie ist klar und faszinierend für den Anderen.

Es ist ansteckend!

Alte neue Kundin

In diesem Jahr habe ich eine Kundin verloren, weil ich ehrlich war – und hätte sie dann aus demselben Grund auch wieder begrüßen dürfen.

Sie war auch zuvor eine eher schwierige Kundin gewesen, mit vielen Illusionen über sich und ihr Pferd beladen, von Ängsten und Unsicherheiten umringt und zugleich mit einem extrovertierten Enthusiasmus gesegnet, der sie immer wieder über eigene oder pferdische Fortschritte in Entzücken ausbrechen ließ. Noch bevor sie sich ein eigenes Pferd gekauft hatte, kam sie immer mal aus dem eineinhalb Stunden entfernten Traunstein zu mir und ließ sich in Bodenarbeit und Reiten auf einem meiner Pferde ausbilden. Das Pferd, dass sie sich dann als Wegbegleiter erwählte, und käuflich erwarb, ein polnisches Warmblut, war keins, zu dem ich ihr geraten hätte, wenn ich hätte raten dürfen: erst fünf Jahre alt, kaum ausgebildet und mit wenig Vertrauen in Menschen. Aber sei’s drum, man kann alles auch positiv sehen: jung genug, um umzudenken und unverdorben im Umgang.

Zweimal – im Mai und im September – waren die beiden für einige Tage bei mir zum Training, ihr Pferd Santos wie auch sie selbst machten Fortschritte und begannen eine Beziehung zu entwickeln. Telefonisch hatte mir die Kundin zwar zuvor immer wieder mitgeteilt, dass Santos wild und unberechenbar sei, aber in den Tagen bei uns am Hof zeigte er sich von einer so sanften und aufmerksamen Seite, dass auch das Reiten harmonisch verlief. Wieder zu Hause angekommen, musste Santos mehrmals den Stall wechseln und war dadurch enorm verunsichert. Und plötzlich begann mich die Kundin nach dem Equipment zu fragen, das wir in meinem Training benutzt hatten. Zuerst gab ich natürlich bereitwillig Auskunft; es sind keine besonderen Sachen oder Tricks, die ich verwende, sondern einfach tools, die sich für mich in den letzten Jahren bewährt hatten. Aber dann merkte ich, dass die Kundin offensichtlich an die Magie dieser Werkzeuge glaubte, dachte, dass diese ihren Santos in unserem Training so feinfühlig und freundlich gezaubert hätten. Sie wollte alles kaufen, in der Hoffnung, dass aus dem verunsicherten Pferd dadurch wieder ein Traumprinz entspränge. Als ich ihr sagte, dass nichts davon magische Kräfte besitzt, sie vielmehr dem Pferd Zeit geben und ihr Geld in Training statt in Ausrüstung investieren sollte, beendete sie im Oktober die Arbeit mit mir. Anfang Dezember meldete sie sich wieder, um einige hunderte Euro ärmer und mit einem Pferde-„Partner“, der sich nun jeglichem Vorschlag vehement widersetzte, ein „Problempferd“, wie sie es nannte. Ich weiß noch nicht, ob ich mich wieder für sie engagiere. Auch das ist keine Frage des Geldes, sondern ob auch die Besitzerin trainierbar ist – das Pferd wäre es ganz sicher.

Man kann aber auch mit allen 4 Hufen am Boden bleiben 🙂

Die neue Sichtbarkeit

Ich könnte jetzt schreiben, dass ich bescheiden war. Aber das wäre wohl eine dreiste Lüge. Schüchtern? Auch nicht! Warum also hat es so lange gedauert, bis ich meine Arbeit als Coach und Mentorin und dazu meine Person als Name und Gesicht hervortreten ließ?

Bisher lief meine selbständige Tätigkeit hauptsächlich unter der Berufsbezeichnung „Pferdetrainerin“ und unter dem Namen „Kentaur“. Dass sich dahinter seit 2014 (!) auch das Training von Schauspielschülern und darstellenden Künstlern, ab 2018 dann auch das Coaching von Führungskräften verbarg, dass „Kentaur“ – ein zwar sinnvolles und schönes Bild – aber de facto nur aus meiner Person bestand, das war ein „Geheimnis“.

Ein wunderbar elitärer und eigentlich eitler, jedenfalls zutiefst geschäftsschädigender Vorgang: ich war (und bin es bis jetzt NOCH) ein „Geheimtipp“, nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda, durch Zufall und das (schwierige) Auffinden meiner guten website überhaupt auffindbar.

Im Oktober wurde ich plötzlich (ja, von außen) mit der Idee beworfen: „Kentaur“, mein Privatversteck, muß sterben, mein Business bin ich – mit meinem Namen und meinem Gesicht. Es fühlte sich 10 Minuten lang an wie: im Pyjama barfuß durch den Schnee rennen, um etwas vor dem Sturm zu retten – Schock! Und dann: warm, prickelnd, lebendig: richtig. Nach 7 Jahren Geheimniskrämerei, nach dem Motto: „nur wer mich findet und auch noch rauskriegt, was ich anbiete, hat mich auch verdient“, wird nun ausgepackt.

Ich arbeite nach wie vor als Pferdetrainerin, wobei der dazugehörige Mensch das meiste Training abkriegt; ich trainiere auch weiterhin Schauspielschüler und darstellende Künstler durch pferdegestützte Sensibilisierung; aber ich coache oder mentorisiere (für Coach gibt es kein Femininum und für Mentorin kein Verb!) auch Macher, Leader, Aktionisten (mein Wort) aller Couleur für das Performen ihrer Präsenz, für ein Führen, das fasziniert und für das Handeln ihrer sprachlichen Rede. Dieses Raum-halten für das Entdecken und Erleben, wie Präsenz geschieht und im Flow körperlich und sprachlich andere mitreisst, diese Werkzeugkiste aus Philosophie, Pferdetraining und Schauspieltechnik, das bin ich: Elma Esrig. Und diese zeigt jetzt auch ihr Gesicht.

Die ersten Fotoshootings habe ich geschafft (in Kälte ohne Jacke, dafür mit Pferd und tapfer lächelndem Gesicht), ein Promotingfilm ist in Planung und eine neue, mein Programm offenlegende website auch.

Nicht jeder shot im Fotoshooting bringt wirklich Sichtbarkeit!

Marketing geht auch (irgendwie)

Zum Abschied vom Geheimtipp-Dasein gehört – das hab ich ganz von selbst kapiert – dass meine neue Sichtbarkeit auch gesehen wird. Also: Abschied nehmen von meinem bequemen Glaubenssatz: Das beste Marketing ist kein Marketing – und rein in die social medias. Mein Gott, ist das bunt hier – und unübersichtlich – und visuell laut. Das war mein erster Eindruck, nachdem ich Facebook wiederbelebte und Instagram betrat und mich noch auf LinkedIn umsah. Alles hat eine eigene Stimmung, ungeschriebene Gesetze (oder jedenfalls habe ich nicht gefunden, wo sie stehen) und praktiziert Stammesrituale, die für Uneingeweihte echte Herausforderungen sind. Dazu eine Privatsprache: Launch, Optin, Hack, URL, Storytelling, SEO …

Noch bin ich Novizin, aber es lichtet sich so langsam. Ich habe verstanden, dass der Balanceakt gelingen kann: ich selbst zu bleiben, ja, sogar mit den eigenen Überzeugungen und Werten sichtbar zu werden und doch auch strategisch und werbewirksam zu handeln. Dafür war mir Judith Peters eine echte Offenbarung. Nicht nur die wilde Lust am Bloggen (und posten) hat sie in mir geweckt und mich dafür auch ins trockene technische Neuland mitgenommen, sie hat auch Strategien ausgebreitet, die nicht gegen den Wind nach Prostitution und Schlussverkauf stinken. Von dort war es dann nur ein kleinerer Schritt in die „12 days of masterclass“ von Sigrun, wo ich mich gerade umschaue wie eine Landfrau im KaDeWe, nur, dass ich tatsächlich etwas verstehe. Ach, und wie schön zu sehen, dass mein Englisch auch noch was anderes drauf hat als Pferdefachbegriffe.

Marketing ist für mich zuallererst – wer hätte das gedacht – eine ganz persönliche Lektion in Demut: runter vom hohen Ross der arroganten Attitude „Wer mich nicht findet, hat mich nicht verdient“ und Sichmischen unter das würdige Fußvolk der Glücksuchenden, der Wünschenden, der Experten aller nur denkbaren Nischen, der Könner und Blender.

Favicon
Mein Weg ins Business mit neuem Logo

Zuletzt wird gespielt: „exiles of hope“

Seit 25 Jahren bin ich auch Dozentin für Schauspiel und Regie an einer staatlich anerkannten Fachakademie. Hier hat mich Corona und die Restriktionen in ihrem Gefolge zunächst schier wahnsinnig gemacht: wie soll man Schauspiel unterrichten per Zoom? 2020: eine Produktion zwei Monate vor Beendigung gestrichen, im Frühjahr 2021: die Produktion wurde nur intern auf Zoom gezeigt (jeder Schauspielschüler allein vor seinem Bildschirm im lockdown). Dann, ab April, hoffnungsvolles Arbeiten an der nächsten Inszenierung, ein Monolog-Abend mit den 11 Schauspielschüler(innen) des 2. Jahrgangs. Und diesmal, ja diesmal konnten wir auftreten. Am 16.12. war Premiere von „exiles of hope“, nur 25% Auslastung erlaubt, 2G+, aber endlich Fremdkontakt: Publikum war zugelassen!

Nach so langer Abstinenz und Arbeiten im Elfenbeinturm, nach wochenlanger Textanalyse, Handlungsgestaltung, Arbeit im Raum: Inszenieren dürfen und die Schauspieler ins Spielen bringen, immer mutiger, immer echter und freier. Das Lernen, die Methode und die Technik des Spielens, das alles findet seinen Sinn in der Aufführung, wenn es zu fließen beginnt und – vielleicht, in seltenen kostbaren Momenten – der Flow einsetzt. Wenn der Schauspieler die Kontrolle so verinnerlicht hat, dass er sie abgeben kann an den Augenblick, an die Impulse aus der Figur, der Situation und der eigenen Handlung.

Die Leere nach der letzten Aufführung ist nicht unangenehm, im Gegenteil: man erledigt noch den Bühnenabbau, die Kostüme und Requisiten werden gereinigt und verräumt, und im Ausatmen beginnt ganz von Ferne bereits ein neuer Traum, die nächste Produktion meldet sich als Idee, als eine Art Musik und Stimmung.

Vortragstraining 1
Aus meiner Inszenierung „exiles of hope“: Nastja aus „Nachtasyl“ von Maxim Gorki

Türen, die sich öffnen …

… , wenn andere sich schließen. Es ist bisher nicht meine Art gewesen, mir konkrete Ziele und darauf abgestimmte Maßnahmen für ein neues Jahr auszuwählen. Das Jetzt ist immer so voll von Entscheidungen und jede Wahl hat ihren eigen Rattenschwanz an Konsequenzen. Aber wenn ich nun auf das zurückblicke, was Ende Dezember die Geschichte des Jahres 2021 ist, dann zeigt sich doch ein Muster, dessen Existenz auf einen das Jahr durchziehenden stimmigen Antrieb verweist. Es war ein Bemühen um selbstbestimmtes Arbeiten, um die Möglichkeit, mich meinem Können und meiner Überzeugungen nach ausdrücken zu dürfen und andere in die Kraft ihrer Präsenz auf der Bühne und im Leben zu bringen.

Die Zusammenarbeit mit anderen Schauspielschulen musste, bei allem Interesse für meine Arbeit, auf Eis gelegt werden. Zu groß waren die Unwägbarkeiten ihrer Planung und Finanzen in „Corona-Zeiten“, einige Kunden mussten ihr Pferd verkaufen und verabschiedeten sich aus meinem Training. Ein Coach (weiblich!) für mein Business war doch nicht mein Fall, eine andere Mentorin erwies sich als weniger hilfreich als gehofft. Ein verletztes Pferd, das mir im Training fehlte und weitere kleine und größere Stolpersteine, rhythmisierten – sagen wir mal – meinen 2021-Elan.

Aber: tatsächlich kann ich jetzt, im schreibenden Rückblicken erkennen, wie jeder Umweg um ein bremsendes Hindernis herum, neue Wege bahnte und seinen eigenen Fächer an Möglichkeiten ausbreitete. Diese neuen Türen entstanden immer dann, wenn eine Tür sich verschloss. Dies will ich in Zukunft besser im Gewahrsein haben: dieses Potential der Fehlschläge. Ein großes Unterfangen ist dieses Gewahrsein und auch mein einziges echtes Vorhaben für 2022. Die anderen Ziele sind Kleinvieh dagegen und nichts des Aufschreibens wert, nicht im Vergleich zum Versuch, das Mögliche in den Widerständen und die Chance im Fail zu sehen.

Yin und Yang, das Gegenteil gehört immer auch dazu …

Mein Jahr in Zahlen

  • 119 Beiträge auf Instagram
  • 151 Abonnenten auf Instagram
  • 290 „Gefällt mir“ Angaben auf Facebook
  • 298 Abonnenten auf Facebook
  • 2 Schauspielproduktionen (1 per Zoom, 1 live)
  • 21 Kontakte auf LinkedIn

Your email address will not be published. Required fields are marked

  1. Liebe Elma,
    Ich liebe Pferdegeschichten und ich liebe Menschengeschichten und beides vereint ist ja fast wie ein Liebesroman für mich!!! So tolle Erlebnisse sehe ich da mit Deinen Pferden…sie sind, wie man unter reflektieren Pferdemenschen ja weiß, unsere besten Lehrmeister!
    Ich gratuliere Dir zu Deinem wundervollen Blogartikel und freue mich auch auf Instgram wieder von Dir zu lesen!
    Ganz lieben Gruß und es freut mich, dich beim Jahresrockblog21 kennen gelernt zu haben!
    Liebe Grüße aus Österreich Sue

  2. Liebe Elma,
    ein wundervoller Jahresrückblick! Ich liebe deine Art zu schreiben (und zu reden ohnehin schon immer), so viele schöne Erinnerungen kommen mir da beim Lesen an deinen einzigartigen Humor und Intellekt… danke für all die Zeit die ich mit dir verbringen durfte und darf, für deine Freundschaft und dein Vertrauen. Nicht jedem gibt man sein Pferd in die Hand und gewährt ihm freie Hand – danke auch dafür von Herzen.
    Ich wünsche dir ein gesundes, erfolgreiches und spannendes neues Jahr!
    Ich freue mich sehr auf ein 2022 mit Elma und Galeon 🙂
    Herzlichst,
    Julia

  3. Liebe Elma,
    wie wunderschön und lebendig! Vielen herzlichen Dank für Deinen Entschluss in die Sichtbarkeit zu gehen. Danke für das Teilen und teilhaben lassen Deines ganz persönlichen Prozesses. Das ich es liebe Deinen Worten zu lauschen, habe ich Dir schon unzählige Male versichert. Dein Bloggen ist so lebendig, es ist schier als würdest Du neben mir sitzen und mir all dies erzählen. Beim lesen Deines Jahresrückblicks, konnte ich ein paar mal die Augen schließen und sah Dich lebhaft vor mir.

    Deine authentische klare Art ist herrlich und immer wieder eine große Bereicherung für Mensch und Pferd. Ich wünsche Dir für das kommende Jahr den absoluten Durchstart. (ich kann auch Wörter erfinden!) Drück Dir die Daumen und freue mich auf regen gemeinsamen Austausch!
    Vielen Dank für Deine Inspiration,
    Simone

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}